Obst aus heimischem Anbau? Eher die Ausnahme.

 
Das meiste Obst und Gemüse, das in Deutschland verzehrt wird, stammt aus anderen Ländern. Warum eigentlich?
 
 

Deutschland ist Agrarland. Fast die Hälfte der Landesfläche wird landwirtschaftlich genutzt. Trotzdem kommen nur 18 Prozent des Obstes und 40 Prozent des Gemüses, das wir essen, aus heimischem Anbau. Die naheliegende Erklärung — das Klima — greift zu kurz. Der eigentliche Grund ist struktureller Natur.

Ein Hinweis vorab: Wir reden hier gezielt über Obst und Gemüse. Bei anderen Lebensmitteln sieht die Bilanz anders aus — Kartoffeln werden zu 145 Prozent des heimischen Bedarfs erzeugt, Milch zu 106 Prozent, Getreide zu 100 Prozent. Deutschland produziert also durchaus im Überfluss — aber vor allem das, was sich industriell und flächeneffizient anbauen und über große Lieferketten vermarkten lässt. Obst und Gemüse fällt aus diesem Raster heraus: arbeitsintensiv, saisonal, empfindlich, schwer maschinell zu ernten. Das Ergebnis ist eine Landwirtschaft, die strukturell auf Massenprodukten aufgebaut — und bei den Lebensmitteln, die für eine ausgewogene Ernährung und regionale Versorgungsresilienz am wichtigsten wären, besonders schwach aufgestellt ist.

Der ökologische Landbau — und insbesondere dezentrale Bio-Betriebe mit regionaler Direktvermarktung — folgt einer anderen Logik: kleinstrukturiert, vielfältig, auf Obst und Gemüse spezialisiert. Genau das, was die konventionelle Agrarstruktur systematisch verdrängt.

 
Das Klima ist nicht das Problem. Sondern der Markt.

Ja, Bananen und Avocados wachsen hierzulande nicht. Aber Erdbeeren schon. Äpfel auch. Tomaten, Möhren, Zwiebeln, Paprika — alles grundsätzlich möglich in unseren Breiten.

Das Problem ist auch nicht in erster Linie das Klima. Es ist der Preis. Importware aus Spanien, Marokko oder den Niederlanden ist billiger zu produzieren — niedrigere Löhne, weniger strenge Umweltauflagen, günstigere Energie. Der Handel greift zum günstigsten Angebot. Für heimische Betriebe bedeutet das: Sie können oft nicht mithalten. Im Extremfall werden marktreife Ernten vernichtet, weil sich die Abnahme zu kostendeckenden Preisen nicht mehr realisieren lässt.

Das ist kein Randphänomen. Es ist die logische Konsequenz einer Marktstruktur, in der wenige Konzerne über die Bedingungen bestimmen: Vier Supermarktketten machen gemeinsam rund 88 Prozent des Umsatzes im deutschen Lebensmitteleinzelhandel aus — 1995 kamen sie noch auf 55 Prozent.

Wer als Erzeuger*in verkaufen will, hat faktisch keine Ausweichmöglichkeit. Viele erfahren erst nach der Lieferung, zu welchem Preis ihre Ware abgenommen wird.

Unter diesen Bedingungen gewinnt immer das günstigste Importangebot — und heimische Betriebe, die ökologisch wirtschaften, faire Löhne zahlen und auf Pestizide verzichten, haben das Nachsehen.

 
Was das für die Versorgungsresilienz bedeutet

Eine Lebensmittelversorgung, die so stark auf globale Lieferketten und wenige Großkonzerne angewiesen ist, ist strukturell fragil. Die Corona-Pandemie hat das sichtbar gemacht: Als Grenzen schlossen und Transportketten stockten, zeigte sich, wie abhängig wir von funktionierenden internationalen Lieferwegen sind. Regionale Kreisläufe waren damals nicht ausreichend etabliert, und das machte sich bemerkbar.

Ernährungssouveränität bedeutet, dass Regionen die Fähigkeit behalten, sich im Krisenfall auch selbst zu versorgen. Eine auf viele Betriebe verteilte, dezentrale Lebensmittelversorgung verringert Abhängigkeiten und macht das System widerstandsfähiger — gegenüber Lieferengpässen, geopolitischen Verwerfungen und Extremwetterereignissen gleichermaßen. Diese Resilienz entsteht nicht durch politische Beschlüsse allein. Sie entsteht durch Nachfrage.

Direkthandel als Gegenentwurf

Die Ökokisten-Betriebe arbeiten nach einer anderen Logik. Die Kooperation mit regionalen Bio-Erzeugerinnen ist für jeden Betrieb im Verband verpflichtend — und sie ist langfristig angelegt. Durch verlässliche Abnahmezusagen bekommen Erzeuger*innen Planungssicherheit: die Grundlage, um in ökologischen Anbau zu investieren, ohne dem nächsten Preisdiktat eines Großabnehmers ausgeliefert zu sein.

Im Direkthandel bleibt die Wertschöpfung in der Region. Was bei einem Ökokisten-Betrieb bestellt wird, geht direkt an Menschen, die in der Nähe wirtschaften — und die dadurch in der Lage sind, weiter zu wirtschaften. Das ist keine romantische Idee von Bauernhofnostalgie, sondern eine strukturelle Entscheidung: für dezentrale Versorgung, für ökologischen Anbau ohne Preisdumping, für Betriebe, die ohne Konzernlogik funktionieren.

Wer bei der Ökokiste bestellt, erhält nicht nur gutes Bio-Obst und -Gemüse aus der Region. Er stärkt die Strukturen, auf die es ankommt.

Bilder: Ökokiste e.V.