“Es gibt keinen konventionellen Weg in die Zukunft.”

Ein Gespräch mit Dietrich Pax vom Ökokisten-Betrieb Gärtnerhof Callenberg, Coburg. Der Öko-Pionier war lange Jahre Vorstand von Demeter, gehört zahlreichen politischen Beratungsgremien an und ist Gründungsmitglied der Landesvereinigung für den ökologischen Landbau in Bayern e.V. (LV.).

Es gibt viele Gründe, auf ökologisch erzeugte Waren zu setzen. Mit dem Bio-Einkauf fördert man den ökologischen Landbau – und trägt damit zum Schutz der Böden bei, unterstützt einen sparsamen Umgang mit nicht nachwachsenden Ressourcen und stärkt eine Landwirtschaft, die ohne chemische Herbizide, Insektizide und Fungizide auskommt. Auch wer Wert auf den Erhalt von Biodiversität legt, wird sicherlich zum Bio-Erzeugnis greifen. Vielen Verbraucher*innen liegt die Klimabilanz ihres Einkaufs am Herzen, ebenso der Ausschluss von Gentechnik. Und andere schätzen einfach das intensive, komplexe Geschmackserlebnis, das sie bei Bio-Erzeugnissen finden.

Bio-Pionier: Dietrich Pax vom Gärtnerhof Callenberg, Coburg
 

Das sind gute und wichtige Gründe, die für den Bio-Einkauf sprechen. Dennoch sind viele Bio-Verfechter*innen immer wieder mit Argumenten konfrontiert, die ihr Konsumverhalten wie eine hilflose Verzweiflungstat aussehen lassen wollen. Dazu gehört schlicht das Kostenargument – aber auch die Frage, inwieweit man die Weltbevölkerung mit ökologisch produzierten Lebensmitteln überhaupt realistisch ernähren kann.

Die gute Nachricht vorweg: Darauf gibt es gute, seriöse Antworten. Und die hat uns Dietrich Pax gegeben, der nicht nur den Ökokistenbetrieb Gärtnerhof Callenberg betreibt, sondern unter anderem auch viele Jahre Vorstand von Demeter Bayern und Demeter Deutschland war.

Bio-Erzeugnisse sind einfach zu teuer!

Dietrich: Im Gegenteil. Bio-Waren sind ein Schnäppchen. Das erkennt man allerdings nur, wenn man mal ein bisschen weiterdenkt. Eine Studie* der Boston Consulting Group (BCG) belegt, dass in der deutschen Landwirtschaft jedes Jahr externe Umweltkosten von ca. 90 Milliarden Euro entstehen – das sind die Kosten, die tatsächlich durch Treibhausgasemissionen, den Verlust der Biodiversität und die damit verbundenen Ökosystemleistungen entstehen. Also im Klartext: Das kosten uns die Umwelt-Folgeschäden der Landwirtschaft. Diese Kosten spiegeln sich aber gar nicht im Preis wider. Deshalb müssen sie gesellschaftlich getragen werden, was zu großen Teilen heute noch gar nicht passiert. Mehrheitlich leben wir auf Kosten der folgenden Generationen.

Konventionelle Produkte sind also zu billig?

Das sind sie ohnehin und das ist ja auch schon lange bekannt. Weitgehend außer Acht gelassen wurde dabei bisher aber auch die Tatsache, dass die Kosten durch die Umweltschäden, die die konventionelle Landwirtschaft verursacht, alljährlich viermal so hoch sind wie die gesamte Brutto-Wertschöpfung der Landwirtschaft. Zahlen wir also 20 Euro für ein Kilo Fleisch, das uns bereits heute 80 Euro kostet, sind das einfach 60 Euro zu wenig. Die zahlen unsere Kinder, unsere Enkel und deren Kinder.

Welche Wege aus dem Dilemma gibt es? 80 Euro für ein Kilo Fleisch?

Nein. BCG errechnet in derselben Studie, dass die Kosten durch eine nachhaltige Landwirtschaft deutlich gesenkt werden können. Das ist allerdings kein Arbeitsauftrag nur für die Bauern – um hier zu einem anderen, tragfähigen Modell zu kommen, müssen Politik, Gesellschaft, Lebensmittelhandel und Industrie an einem Strang ziehen.

Unterm Strich können wir ökologisch also günstiger arbeiten als die konventionelle Landwirtschaft – vorausgesetzt, wir beziehen die tatsächlich entstehenden Kosten mit ein. Wenn unsere Landwirtschaft heute viermal teurer ist als das, was wir als Verbraucher*innen bezahlen, verschieben wir den Zahltag einfach in die Zukunft – das ist Diebstahl.

Auf längere Sicht ist es deshalb wirtschaftlicher, die Landwirtschaft zu ökologisieren, indem wir die externen Kosten verringern. Natürlich verursacht auch die ökologische Landwirtschaft externe Kosten, aber in einem weitaus geringeren Maß. Und viele verantwortungsvolle Betriebe arbeiten konsequent daran, sie weiter zu reduzieren.

Wenn wir aber in Zukunft wiederholt Flutschäden und massenhafte Erdbewegungen haben, weil die Böden verarmt und instabil geworden sind durch den jahrelangen Einsatz von Fungiziden, wenn wir weiter ausschließlich Humus abbauen und dessen Aufbau vernachlässigen, wenn wir an unangebrachten Stellen Grünland in Ackerland umbrechen und Moore trockenlegen, dann wird die Landwirtschaft immer teurer und teurer. Ich wäre im übrigen ja dafür, auch hier nach dem Verursacherprinzip vorzugehen. Wie eigentlich überall sonst auch. Dann würden sich doch viele Unternehmen überlegen, ob sie bereit sind, die Haftung für die Schäden, die durch ihre Pestizide entstehen, zu übernehmen. Wenn das Kilo Glyphosat statt 25 dann 2500 Euro kostet, müssen diese Kosten entweder an den Verbraucher weitergereicht oder der Pestizid-Einsatz verringert werden. Aber wir haben es hier mit dem Phänomen zu tun, dass die Gewinne privatisiert sind, das Risiko und die Folgekosten allerdings vergesellschaftet. Es gibt deshalb schlicht keinen konventionellen Weg in die Zukunft.

In den letzten Jahren werden doch immer weniger Pestizide ausgebracht?

Rein mengenmäßig mag das stimmen. Aber die Tödlichkeit der einzelnen Gifte ist massiv gestiegen – bei manchen sogar um den Faktor 10. Ich würde mir wünschen, dass man jedes Pestizid rosa oder knallgelb einfärben muss. Einfach, damit offensichtlich wird, was da alles auf den Feldern landet.

Aber nur mit Bio lässt sich die Weltbevölkerung doch
gar nicht ernähren?

Das ist ein Märchen. Wir müssen aber grundsätzlich umdenken, wichtig wäre eine Intensivierung der Landwirtschaft auf kleinerer Fläche und eine Ökologisierung von Flächen mit „Menschenfutter“, sprich, kein Viehfutter. Das kann man sehr plastisch berechnen: Breche ich den Pro-Kopf-Bedarf an verschiedenen landwirtschaftlichen Erzeugnissen – Gemüse, Fleisch, Eier, Milch – auf die dafür benötigte ökologische Fläche herunter, kann ich sehr genau sagen, wieviel Fläche notwendig ist, um die Menschen weltweit mit ökologischen Lebensmitteln zu versorgen.

Anhand solcher Zahlen kann man valide errechnen, dass durchaus ausreichend Nahrung ökologisch erzeugt werden kann. Was aber stimmt: Wenn wir alles genauso machen wie bisher, wird es nicht reichen. Da zählt natürlich auch der ganze Bereich Food Waste mit rein. Es wird viel zu viel für die Tonne produziert. Und gleichzeitig müssen wir unseren Fleischkonsum deutlich reduzieren. Ohne dieses Umdenken wird es nicht gehen.

*“ Die Zukunft der deutschen Landwirtschaft nachhaltig sichern“, Boston Consulting Group, 2019